Sonntag, 15. April 2018

Der Mann ohne Fernsehen ( ARMIN SCHIBLER )

Glaubt da ein perfider Schnüffler herausgetüftelt zu haben, ein bestimmter Mieter in Block A14 müsse ein Schwarzseher sein, weil er die Fernsehgebühr nicht entrichtet habe! Da nicht sein darf, dass Väterchen Staat um einen Obolus geprellt wird, nimmt sich der Hausven/valter der Sache an und stellt fest, dass es sich beim fraglichen Mieter um einen alleinstehenden und unbescholtenen Mann handelt. Indem er die benachbar- ten Mieter, auch jene unter und über der Wohnung des Verdächtigen, ins Vertrauen zieht, hofft er, jenen zur Zeit der höchsten Einschaltquote vor dem Empfänger zu überführen. Vergeblich warten sie nach Einbruch der Dunkelheit auf den bläulichen Schimmer hinter den Gardinen, nutzlos pressen sie das Ohr an die Wand — in der kleinen Wohnung bleibt es still. Sie vernehmen nur die Schritte des Mannes, der rastlos auf und ab geht. Sollte dieser am Ende Uberhaupt keinen Fernseher an Betrieb halten und, statt vor dem Apparat zu sitzen und slch das offizielle Programm zu Gemüte zu fuhren, stundenlang durch Korridor und Zimmer marschieren und ein Liedlein dabei pfeifen? Da muss etwas dahinterstecken; eln solcher Mensch, der denkt sich doch etwas dabei, der führt etwas lm Schilde, oder nlcht?

Der Hausverwalter meldet den delikaten Fall dem Quartierkommissar. Eines Abends, gerade als sich der Mann ohne Fernsehen eln harmloses Süppchen kocht, klopft es an die Tür. Nicht wenig erschrocken lässt der gute Mann den unerwarteten Besucher eintreten. Der Kommlssar geht ein paarmal in der Wohnung auf und ab, besieht sich dies und jenes, sagt dann: Hm! Mit einem Wink bedeutet er dem Mann, Sich zu setzen; nachdem er sich selbst mitsamt dem Mantel auf dle Tischkante geschubst hat. beginnt er mit den Flngern aufs Holz zu klopfen. — Weshalb er nicht fernsehe, fragt er schliesslich.

Der Befragte, glücklich, dass sich der Besuch nicht schlimm anzulassen scheint, gibt gefllssentlich Auskunft: Sie müssen wissen, Herr Kommissar, mir genügt, was ich mit eigenen Augen und Ohren sehe und höre.» — Ob er sich nicht langweile, wenn er nicht erfahre was auf der Welt vorgehe. “Was auf der Welt vorgeht, wie es um sie bestellt lst – das erfahre ich tagsueber zur Genüge. Am Abend will ich melne Ruhe haben.» Der Kommissar laesst nicht locker und will wissen, warum er immer in der Wohnung hin und her gehe. <<Ich – ich meditiere einfach vor mich hln, warum die Welt so und nlcht anders eingerichtet ist.»

Jetzt hat der Kommissar den andern dort, wo er ihn haben will. <<Die Welt anders einrichten? Also nicht einverstanden mit dem, was wir dir bieten? Du sinnst darüber nach, wie es anders werden soll? „Leute wie Du“ hier schlägt der Kommissar mit der Faust auf den Tisch „das lassen wir gar nicht aufkommen!“ Der Mann ohne Fernsehen ist zu Tode erschrocken und wehrt sich auch nicht als sie ihn holen kommen. Er sieht, wie die Leute aus Fenstern und Türspalt gucken und sagen „Mit eigenen Ohren und Augen, da hat er es!“

Bei der Polizei wird der Mann ohne Fernsehen ausgiebig ins Verhör genommen. Seine hintergründigen Argumente bestärken die Behorde darin, emem gefährlichen Burschen auf die Spur gekommen zu sein, so dass er vom Staatsanwalt persönlich vernommen wird. <<Mit Leuten wie dir machen wir kurzen Prozess. Es ist am besten für dich, wenn du gleich alles gestehst. Der Mann ohne Fernsehen bleibt stumm, es hat ihm die Sprache verschlagen.

Als er vor den Richtern steht, entwirft der Staatsanwalt ein düsteres Bild des Angeklagten Sein ganzes Sinnen und Denken ziele darauf hin, d|e Verhältnisse zu ändern. Er sei umso gefährlicher, als er sich weigere, die Namen der Gleichgesinnten aus dem Untergrund herauszugeben. „Ein solcher Schädling muss ausgemerzt werden“, befindet die Anklage. Der Mann ohne Fernsehen begreift allmählich, dass es ihm an den Kragen geht. Nach seinem letzten Wunsch befragt, äussert er die Bitte, wenn er schon sterben müsse, dann solle seine Hinrichtung am Bildschirm im ganzen Land zu sehen sein.

Dieser seltsame Wunsch macht die Richter besorgt und ratlos. Sie befinden, die Entscheidung darueber muesse an oberster Stelle getroffen werden. So beschaeftigt sich zuletzt der gefuerchtete Maechtige mit dem Mann ohne Fernsehen. Er studiert die Akten und zitiert ihn zu sich. “Du bist der abgefeimteste Bursche, der uns vorgekommen ist. Meinst du, wir wuessten nicht, worauf du es mit deinem letzten Wunsch abgesehen hast? Mit eigenen Augen und Ohren! Das würde dir so passen, dass Hinz und Kunz zu denken beginnen“

Plötzlich setzt der Gewaltige eine freundliche Miene auf und sagt leise: <<Es gibt einen Weg, wie du deinen Kopf retten kannst.» – <<Welchen?» fragt der Mann ohne Fernsehen, <<Wir machen dir einen grossen Prozess. Wir werden dich dazu verurteilen, einen Empfänger in deine Wohnung zu stellen und fernzusehen. Du erklärst dich schuldig, bereust und nimmst das Urteil an. Dann wirst du im Fernsehen: die Leute sollen sehen, dass du vor dem Kasten sitzst und die Knöpfe betätigst. Dann lassen wir dich laufen.“ Der Mann ohne Fernsehen überlegt nicht lange. Er ist ein Mensch wie du und ich und möchte leben. <<Gut», sagt er, <<ich werde tun, was man von mir verlangt.» Auf diese Weise ist der Mann ohne Fernsehen davongekommen. Als seine Nachbarn ihn auf der flimmernden Scheibe vor dem Empfänger sitzen sehen, rufen sie zufrieden: “Was helfen die eigenen Augen und Ohren, wenn es den Kopf kostet?“

Aber niemand weiss, dass der Mann dabei die Augen geschlossen hält, dass er Wachs in die Ohren gestopft hat, um in Ruhe darüber nachzudenken, warum die Welt so eingerichtet ist und nicht anders.

ARMIN SCHIBLER

(aus dem Deutschlehrbuch „Verstehen Reden Schreiben“)

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